Fenster in düsterer Atmosphäre

Ausnahmezustand

Das Wetter im Ausnahmezustand ist prächtig. Die Stimmung mäßig. Ich sitze im Zug. Gerade gelandet und den noch trüberen Verhältnissen in Sofia entflohen, lausche ich den Gesprächen der Mitreisenden. Die sind relativ schnell dabei, „knallhart“ allen über 80 keine medizinische Behandlung mehr zuzubilligen, wenn das Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt. Vielleicht nachvollziehbar, im Kant’schen Sinn aber zweifelhaft. Willkommen in der Krise.

Wer 2008 schon dabei war weiß, dass das chinesische Schriftzeichen für „Krise“ auch als „Chance“ gelesen werden kann: das war damals eine Plattitüde. Gebracht hat dieses Wissen wenig. Meine Prognose: das ändert sich dieses Mal auch nicht.

Aber vielleicht liege ich auch falsch. Die Krise lässt mich nachdenken. Die Grundregel, wenn man richtig liegen will, ist es ja, keine Zwischen-Schlussfolgerungen zu ziehen, während die Ereignisse sich noch entwickeln. Aber wer will schon recht haben.

Demokratie, Freiheit und Dissens

Demokratisch gewählte Regierungen sind zu (relativ) schnellen und (ziemlich) harschen Entscheidungen in der Lage. Und wir alle subordinieren uns. Es ist möglich, ganze Länder quasi über Nacht komplett stillzulegen; Läden, Bars und Restaurants zu schließen und das Versammlungsrecht auszusetzen.

Das ist im Fall von Covid-19 sicher geboten, auch wenn ich nicht weiß, wie lange man das sinnvollerweise durchhalten kann – oder will – angesichts einer Pandemie, die ihren Höhepunkt erst im Sommer erreichen soll. Das ist dennoch zunächst ein gutes Zeichen. Es zeigt nämlich, dass in schweren Zeiten auch Einschränkungen hinzunehmen bereit sind, und dass Gemeinsinn ab und an den Eigensinn schlägt.

Ich hoffe allerdings wirklich, dass ich nicht der Einzige bin, den die Geschwindigkeit und Wucht des Vorgangs auch ein wenig beängstigt. In den sozialen Medien ist die Zustimmung zu den gewaltigen Einschränkungen unserer Bürgerrechte überwältigend. Mit dem richtigen Narrativ ist alles möglich. Wie brutal das geht, zeigt China. Die dazu notwendige Überwachungs-Infrastruktur ist auch hierzulande installiert. Heute dient das alles gewiss guten Zwecken, morgen muss das nicht mehr so sein. Oder anders gesagt: das schöne an der Demokratie ist ja gerade das Streiten, das ist ja gerade der Dissens.

Das sagen die Leute im Zug allerdings auch – die schimpfen. Die Sonne scheint und man will in den Biergarten.

Gesundheit

Ich bin kein Gesundheitsexperte. Vom Laienstandpunkt aus scheint mir aber, dass die Gesundheitssystem – auch der reichen Länder – recht wenig Reserven haben. Man wird sich fragen müssen, ob solche „systemischen“ Systeme auf fiskalischen Gewinn maximiert sein sollten. Vielleicht sollte man sie als Infrastruktur betrachten, die einfach da sein muss, ohne sich ständig für ihre Existenz rechtfertigen zu müssen.

Wem die Idee zu weit geht, der sollte zumindest über ein Überlaufventil nachdenken, etwa durch medizinische Kapazitäten der Bundeswehr, die im Krisenfall bereitgestellt werden können. Leider wehrt die Bundeswehr derzeit aber nur noch bedingt, um die hat sich in den letzten Jahrzehnten nämlich keinen gekümmert und der Posten des Verteidigungsministers war durchgehend von schillernden Leuten besetzt.

Wirtschaft und Globalisierung

Wer gerade die Wirtschaftspresse liest, wird allerorten über „zusammenbrechende Lieferketten“ stolpern. Zu Recht. Die Just-in-time-Produktion ist anfällig für Störungen. Fehlt ein Teil einer komplexen Maschine, etwa eines Automobils, kann das gesamte Produkt nicht hergestellt werden. Im Moment interessiert das keinen, da ohnehin keine Nachfrage besteht, aber mittelfristig ist das ein Problem.

Mit Rat, wie das zu beseitigen wäre, wird nicht gespart. Ort hört man den Vorwurf, es sei nicht richtig, dass viele Lieferketten ihren Anfang in China nähmen, man möge hier doch für heimische Alternativen sorgen.

Nun haben halbwegs verantwortungsvolle Unternehmen ohnehin die Angewohnheit, die Abhängigkeit von nur einem Zulieferer zu vermeiden. Sie halten sich nicht immer daran, das stimmt, und ab und an zahlen sie dafür auch einen Preis. So ist es etwa Volkswagen ergangen, als der Konzern lange von Zulieferern erpresst wurde. Solche Vorfälle sind notwendig, damit das System lernt.

Nur nutzt das alles recht wenig, wenn ein Schock von allen Seiten gleichzeitig kommt. Genau das ist bei einer globalen Pandemie aber der Fall. Inwiefern man jetzt besser dran wäre, wenn die Lieferketten in den USA ihren Anfang nähmen, weiß ich nicht.

Natürlich kann man hingehen und versuchen, einfach alles im Land zu produzieren, das wäre eine in vielen Kreisen ganz populäre Forderung. So eine Autarkie hat sich China zu Zeiten der Ming-Dynastie geleistet, und es hat zu einem beispiellosen Niedergang des Reichs und dem Quasi-Verlust jeglicher Souveränität in den Opium-Kriegen geführt. Ich halte das für keine gute Idee.

Bildung und digitale Infrastruktur

Deutschlandweit sind die Schulen geschlossen, es sind aber keine Ferien, die Kinder müssen also lernen. Die Lehrer werden bezahlt, lehren aber nicht. Was sie tun ist: sie senden Arbeitsblätter an die Eltern, die den Stoff mit dem Nachwuchs durcharbeiten sollen.

Dass das großflächig geschieht ist freilich illusorisch: die Eltern müssen arbeiten, den Haushalt am Laufen halten und irgendwie Klopapier und Dosenravioli besorgen.

Man hätte auf den Gedanken kommen können, in Fällen wie diesen den Unterricht per Videochat abzuhalten. Das geht, wie viele Universitäten – oder auch jede beliebige private Sprachschule – zeigen.

Natürlich funktioniert das nicht in Deutschland. Schon mangels Bandbreite. Für den Ausbau der digitalen Infrastruktur ist ganz wesentlich die Deutsche Telekom zuständig. Die vereint die Nachtteile eines Staats- und Privatunternehmens unter Vermeidung der Vorteile. Immerhin zahlt sie Aktionären jedes Jahr eine schöne Dividende, was aber nur davon zeugt, dass sie keine Idee hat wie sie ihre Einnahmen in zukunftsträchtiges Geschäft investieren soll. Ergebnis ist ein Netz, auch weltweit den Vergleich mit den globalen Schlusslichtern nicht scheuen muss.

Weil Online-Schule also schon infrastrukturell ausscheidet, hat man sich mit dem Konzept auch seitens der Schulen nie befasst oder befassen müssen. Also gibt es das nicht.

Geldanlage, Bitcoin und Personal Finance

Derzeit stürzt jeder Markt. Ein bisschen ist das wie 2008, als alle Asset-Klassen unisono an Wert verloren. Natürlich war auch damals richtig, eine diversifizierte Anlagestrategie zu verfolgen, etwa Aktien, Renten und Immobilien zu mischen und so ein robustes Portfolio kreieren. Aber auch wer alles richtig gemacht hatte, musste damals Federn lassen.

Dieses Mal weiß noch keiner, wie sich das schlussendlich alles darstellen wird, da wir erst am Beginn des Prozesses stehen. Besonders bei Immobilien lässt sich ob der Trägheit des Marktes wohl erst in 18 Monaten sagen, in welche Richtung die Reise geht – es dauert einfach Zeit, bis genügend Finanzierungen platzen und zwangsversteigerte Objekte den Markt nach unten ziehen. Aber vermutlich wird es passieren.

Was sich aber schon sagen lässt ist, dass es wohl keine sicheren Häfen (mehr) gibt.

In der letzten Krise konnte man mit Gold recht gut fahren, das scheint aber dieses Mal nicht zu funktionieren. Grund ist natürlich gerade die letzte Krise: jeder sitzt auf Gold und muss es im Run for Liquidity auf den Markt werfen.

Aber auch die gerade als Antwort auf die letzte Krise entstandenen Crypto-Assets baden im eigenen Blut. Die Idee, dass Bitcoin als sicherer Haften dienen könnte, hat sich nicht verwirklicht. Das mag sich ändern, wenn wir in zwei Jahren den Fallout der gegenwärtigen Krise erleben, aber wohl auch nur, wenn BTC sein unfassbarerweise weiterhin bestehendes Useablity-Problem lösen kann. Wie das geschehen soll ist mir allerdings nicht recht klar. Bitcoin ist gewissermaßen ein Open-Source-Projekt und krankt auch an den entsprechenden Steuerungsproblemen. Das macht seinen Charme aus. Es sorgt aber auch dafür, dass er sich genauso wenig beim Endnutzer durchsetzt wie Linux auf dem Desktop.

Klar scheint mir jedenfalls zu sein, dass wir vor eher volatilen Zeiten stehen. Der bevorstehende Crash könnte von einer Wucht sein, die nicht nur die Zombis, sondern auch gesunde Unternehmen in den Abgrund reißen. Zweifellos wird die Arbeitslosigkeit stark steigen und viele Leute werden ihr Vermögen verlieren. Ob der Euro dieses Mal nun wirklich zerbricht, vermag ich nicht zu sagen, ich bin kein Volkswirt. Ungemütlich wird’s allemal.

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