Bored woman in corona quarantine looking out of window to the street

Ausnahmezustand Reloaded

Die Krise zwingt dazu, den Aktionsradius kleiner zu ziehen. Keine Freunde zu treffen. Keine Fotoprojekte über den engen Kreis hinaus zu unternehmen. Sport in Wohnzimmer zu veranstalten. Statt Burgern belegte Brote zu essen.

Ich nehme das hin. Grummelnd, aber ich nehme es hin. Auch strenge Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie sind geboten. Jedoch finde ich es faszinierend, dass diese Maßnahmen von vielen Leuten geradezu herbeigesehnt wurden und jetzt bejubelt werden. Welche Freude daran herrscht, dass endlich entschlossen gehandelt wird. Wie schön das ist, dass man durch Daheimbleiben die Welt retten kann.

Und wer nicht glaubt, dass es so ist, möge bitte einen Facebook-Snapshot der letzten drei, vier Tage machen. Für die Enkel, zum Erzählen.

Die Sehnsucht nach Autorität und Ruhe

Speichern Sie diese Stimmung für sich selbst ab, denn schon in ein paar Wochen werden Sie sich nicht mehr vorstellen können, dass es mal so war. Wenn die Müdigkeit einsetzt. Das bleierne Gefühl, dass alles stillsteht. Wenn die Isolation in Depression umschlägt.

Ich mag mich irren, und bezeichne die These bewusst als vorläufig, aber mir scheint, dass sich die ganze Gesellschaft nach Stillstand geradezu gesehnt hat. Es war wohl alles zu viel, zu schnell, zu laut. Jetzt kann man endlich darüber sinnieren, wie schön es ist, dass der Frühling ohne uns Menschen stattfindet. Dass mehr Singvögel da draußen sind als letztes Jahr. Dass in Venedigs Kanälen wieder Delfine schwimmen. Man muss sich nicht mehr vergleichen mit den verfluchten Influencern mit den Traumkörpern, die sich mit Champagnerglas in der Hand in asiatischen Roof-Top-Infinity-Pools aalen. Im Sonnenuntergang.

Wenn da ein Söder kommt und am Freitag Ausgangsbeschränkungen verhängt, obwohl die Bundesländer am Samstag erst mal sehen und dann am Sonntag entscheiden wollten, dann wird der gefeiert. Der macht’s richtig. Der ist ein harter Hund. Der wird der nächste Kanzler. Die Presse wundert sich ab und an noch ein bisschen, wie schnell und unkontrolliert und auf falsche Rechtsgrundlagen gestützt dieser Durchmarsch funktioniert, aber die meisten jubeln. In anderen Ländern ist man schon weiter und dabei, eine Corona-Diktatur zu errichten: wenn schon, dann richtig.

Nur: wer harter Hund ist, der muss sein Image auch pflegen. Und wer hebt den Ausnahmezustand dann wieder auf? Wer will der erste sein? Wer wird weich?

Der perpetuierte Ausnahmezustand

Das Interessante ist: je länger der Ausnahmezustand dauert, umso länger muss er dauern. Wenn es gelingt, die Anstreckungsrate in der Bevölkerung niedrig zu halten, heißt das, dass es Jahre dauern kann, bis die „Durchseuchung“ (was für ein Wort!) erreicht ist. Die aber braucht man, um Immunität und Herdenimmunität gegen den Virus zu erzeugen. Ob man den Ausnahmezustand so lange aufrecht erhalten will oder soll, darauf will sich niemand festlegen.

Wir brauchen aber keine Jahre, sondern nur wenige Monate, um in diesem Land sieben Millionen Arbeitslose zu haben, dem Euro Lebewohl zu sagen und eine nie gesehene Pleitewelle auszulösen. Wir werden keine Besen mehr haben, um die Scherben zusammenzukehren. Wer jetzt „Trümmerfrauen“ denkt, denkt noch zu kurz.

Ich verstehe, dass diesem Argument entgegnet wird, es ginge um Menschenleben. Ich sehe das. Aber die stehen auf beiden Seiten. Jeder fünfte Suizid steht im Zusammenhang mit Jobverlusten. Jeder zehnte im Zusammenhang mit Depression.

Dazu kommen psychologische Belastungen. Bunkerkoller. Es fühlt sich nicht gut an, wenn man als Familienvater nicht mehr für seine Familie sorgen kann, weil man kein Einkommen mehr hat. Die Frauenhäuser in München sind übervoll, weil die häusliche Gewalt außer Kontrolle gerät.

Ich habe für das Thema übrigens keine gute Lösung. Aber die Hurra-Stimmung ob der harten Maßnahmen, ob der maximalen Grundrechtseingriffe erinnern mich an den August 1914.

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