Woman shopping with face mask

Es sind 78%

Wenn Sie lesen können und diese Fähigkeit auch gelegentlich nutzen, dann ist Ihnen in der letzten Zeit der Begriff der „90%-Economy“ begegnet. Das ist die Idee, dass wir nach der Öffnung der Wirtschaft etwas erleben werden, das von weitem ein wenig so aussieht wie die Wirtschaft, die wir vor Covid-19 hatten, aber nicht ganz dasselbe ist. Die vielen Vorsichtsmaßnahmen, die immer noch fragilen Lieferketten und vor allem die dünne Brieftasche und schlechte Laune der Konsumenten werden dafür sorgen, dass alles so lala auf 90% läuft.

Vergessen Sie das. Seien Sie froh, wenn es 78% werden. Ich will Ihnen dazu drei Anekdoten erzählen.

Einkaufen in der Krise

Ich war einkaufen. Es ging nicht anders. Derzeit bin ich in Deutschland gestrandet mit (genau!) einem Anzug, einem Hemd, zwei Krawatten, zwei Hosen und je zehn T-Shirts, Sockenpaaren und Unterhosen.

Das ist alles. Und sagen wir: es waren von Anfang an nicht die besten Socken. Nachschub ist notwendig.

Nachdem nun viele Läden wieder geöffnet haben, zog es mich daher in die Innenstadt, in der ich sämtliche Einträge in meiner Einkaufliste („Hosenliste 2“) abarbeiten wollte. In richtigen Läden. Mit Flair. Einkaufserlebnis. Und so.

Das sieht im Detail derzeit so aus, dass am Eingang der Läden erst mal eine Schlange ansteht, die auf die Zuteilung eines Tokens wartet. Die Token sind aber in ihrer Anzahl begrenzt, damit nicht beliebige Füllständen in den Einkaufstempeln erreicht werden. Hat man einen ergattert, darf man in den Laden, in welchem aber Rolltreppen, Fahrstühle, Unterhaltungsmusik und sämtliche anderen Annehmlichkeiten fehlen. Beratung auch, weil die Personaldecke dünn ist. Alles erinnerte mich ein wenig and die gute alte DDR.

Das beste aber ist, dass man nichts anprobieren darf. Umkleidekabinen sind gesperrt und meine Versuche, Hosen mitten im Laden vor einem Spiegel anzuprobieren, trafen auf strafende Blicke von Ver- und Einkäufern.

Man hat also die Nachteile des Online-Shoppings, muss, um diese zu genießen, aber erst mal mit dem Bus in die Stadt und mit Maske auf der Nase durch ein leeres Einkaufszentrum, in dem es nicht mal Kaffee gibt.

Ach ja: alles schließt 18:00 Uhr.

Glauben Sie daran, dass der Einzelhandel sich davon je wieder erholt? Ich nicht. Meine Einkäufe habe ich dann online erledigt. Um für die heimische Wirtschaft eine Lanze zu brechen: bei Otto.de, was sehr angenehm war. Das Kundenkonto ist in 15 Sekunden angelegt, die Nutzerführung klasse und man liefert auf bei Neukunden auf Rechnung.

Ich glaube, ich bleibe da.

Homeoffice für die ineffizienteste aller Zukünfte

Jeder weiß ™, dass das Homeoffice die ineffizienteste Art ist, wie man White-Collar-Arbeiten erledigen kann. Nicht nur liegt die Prokrastination näher, sondern man arbeitet auch ohne Bibliothek, Werkzeuge, Support und Kontakte zu den Kollegen. Dafür, wenn Sie welche haben, mit Kindern. Und ja: Meetings im Übermaß sind Effizienzkiller, aber richtig eingesetzt ist das Meeting ein unfassbar gutes Werkzeug für Organisation und Ideenfindung. Ohne den sprichwörtlichen Austausch in der Kaffeeküche wird alles langsamer und schwerfälliger („Kaffeeküche“ heißt auf English „Water Cooler“, falls Sie das noch nicht wussten). Gewiss gibt es Genies, die auf sich allein zurückgeworfen große Ideen schmieden und so die Zukunft der Welt verändern. Wir Normalsterblichen brauchen für gutes Arbeiten aber ab und an auch Sozialkontakt, und eine gesunde Organisation braucht den Austausch von Ideen.

Glauben Sie, dass das klassische Büro zurückkommen wird?

Ich nicht. Also klar, ein wenig. Aber es wird kraft- und saftlos sein, gleichsam aus der Zeit gefallen.

Ich hatte das große Vergnügen, mehrfach mit Angestellten der sehr großen Unternehmung C zu telefonieren, die allesamt von daheim arbeiten und das auch ganz passabel hinbekommen. Denen wurde gesagt, dass sie sich vor Ende des Sommers nicht mehr im Büro blicken lassen müssen und dass es auch danach große Änderungen geben werde. Man munkelt, die Büros würden so umgebaut, dass man sich sozial darin distanzieren könnte und Anwesenheit im Büro würde man auch dann weniger gern sehen als Abwesenheit.

Ich überlege, die Aktien der Unternehmung zu verkaufen.

Die Rückkehr der Kernfamilie

In eine ganz ähnliche Richtung, aber nur fast („same same bute different“), geht die Essenz des Gesprächs mit dem hochgeschätzten M.

M steht einem Unternehmen vor, das sich damit beschäftigt, Mitarbeitern von großen („German Fortune 500“) Unternehmen zu helfen, weiter arbeiten zu können, auch wenn der Vater gerade im Sterben liegt oder die Kinder bespaßt werden müssen. Zu diesem Zweck werden mit Zuschuss vom Arbeitgeber Tagesmütter oder Krankenpfleger vermittelt. Oder besser: wurden. Denn nun ist ja jeder im Homeoffice und wir haben – endlich! – wieder geordnete patriarchalische Verhältnisse: er geht halbtags raus auf die Baustelle und verdient dort Kurzarbeitergeld, während Mausi die Balgen vor den Fernseher setzt.

Das Geschäft läuft also nicht mehr. Interessant finde ich, dass es schon länger nicht lief und Corona die Entwicklung nur noch einmal beschleunigt. M hat die Gesellschaft schon vor einiger Zeit völlig umgebaut und den strategischen Fokus weg von der Vermittlung, hin auf Beratung gelenkt. Erfolgreich.

Die Zeiten, in denen Mitarbeiter vor Ort sein mussten, war schon lange vorbei.

Innenstädte, in denen Gras aus den Rissen im Asphalt wächst

Wenn Sie Gewerbeimmobilien vermieten, dann sind das schlechte Nachrichten. Aber vermutlich sind es auch dann schlechte Nachrichten, wenn alles, was Sie haben, der Dispo auf dem Girokonto ist. Denn wir atomisieren gerade unser Arbeitsleben und verlagern es in die Privatsphäre. Die Büros in den Städten werden in Zukunft dünner besetzt sein, man wird mit viel weniger Fläche auskommen. Womöglich geht der Trend sogar „zurück aufs Land“, oder besser: in die Vorstadt. Das hatten wir schon einmal und gottseidank hatte sich das in den letzten 20 Jahren umgekehrt.

Denn: Städte sind fantastisch. Mit der Größe der Stadt wächst ihr „Wert“ hyper-exponentiell, der GDP-Output und vor allem der Output an Kreativität. Große Städte sind die Orte, an denen Zukunft entsteht. Aber nur dann, wenn Menschen sich treffen und gemeinsam an Projekten arbeiten. Das tun sie aber immer weniger. Stattdessen haben wir eine schlechte Version des Cocooning, das wir nach dem Platzen der Dot-Com-Blase ja zur Genüge ertragen mussten.

Vielleicht werden Sie sagen, dass wir nun alles online machen können. Aber ich halte das für Unfug. Wenn es um Effizienz geht, sind IT und Virtualisierung das Versprechen, das sich seit 40 Jahren nicht einlöst. Und das, was Effizienz und Geschäftigkeit schafft, nämlich Menschen physisch zusammen zu bringen, das schaffen wir gerade ab.

Die nächsten Jahre werden wirtschaftlich richtig mies werden. Wir werden an Reichtum und auch Freiheit verlieren. Nicht alle gleichviel, und am meisten die, die schon jetzt am wenigsten haben.

Aber so ist das ja immer.

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