Archive for March, 2006

Stanislaw Lem ist tot

Tuesday, March 28th, 2006

Vielleicht haben Sie es hier oder da ja schon gelesen: Stanislaw Lem ist gestern im Alter von 84 Jahren in Krakau gestorben. Das ist ein fast unersetzlicher Verlust, auch wenn vermeintlich jeder ersetzbar ist. Es gibt keinen Zweiten wie Lem.

Bekannt ist Lem ja vor allem als Science-Fiction Schriftsteller. Völlig berechtigt und doch zu unrecht. Denn mit dem, was sonst unter „SF“ verkauft wird, haben die Werke Lems nichts zu tun. Es sind weniger fiktionale und mehr oder weniger g’spinnerte Bücher, als vielmehr sehr tiefgründige, hoffnungsvoll pessimistische (oder hoffnungslos optimistische?), wissenschaftlich und philosophisch abgesicherte, meist brüllend komische Blicke in eine mögliche Zukunft. Dabei gelang es Lem immer wieder, nicht nur technische Entwicklungen, sondern auch deren gesellschaftliche Auswirkungen mit gerade beängstigender Genauigkeit vorwegzunehmen. Wer den „Lokaltermin“ gelesen hat und gleichzeitig heute über das Evernet und Informationsverschmutzung nachdenkt, der weiß, was ich meine.

Vermutlich verdankte Lem seine besonderen Fähigkeiten, seinen Zugang zum Künftigen, der Fähigkeit der sehr dezidierten Analyse des Seienden. Er war eben nicht nur in den Wolken schwebender Autor und Philosoph, sondern auch Arzt und Naturwissenschafter. Er war nicht nur einer, der im Elfenbeinturm vor sich hin schrieb, sondern einer, der das Leben kannte. Als Pole jüdischer Herkunft musste er in der Zeit der deutschen Besetzung um sein Leben fürchten und sich mit Witz und Glück durchschlagen. Später, im kommunistischen Polen, focht er endlose Kämpfe mit Zensur und Partei. Der Mann hatte Hindernisse zu überwinden, und genau das war es, was er tat.

Man, Lem, ruhe in Frieden. Du hinterlässt eine Lücke, und das ist nicht nur ein Spruch.