Archive for January, 2005

Bush oder die tiefe Einsicht

Friday, January 14th, 2005

Heute morgen haben ich auf Bayern 5 folgendes vernommen:

Präsident Bush hat sich für die zweite Amtszeit vorgenommen,


sich öfter zu überlegen, WAS er eigentlich sage. Beispielsweise die Äußerung, Al Kaida-Chef Bin Laden sei tot oder lebendig zu fassen, da sei ihm egal, sei nicht besonders diplomatisch gewesen. Er werde sich bemühen, sich künftig so zu äußern, dass im Ausland kein falscher Eindruck von den USA entstehe.

Gratulation Herr Bush! Eine solche Einsicht von dem mächtigsten Regierungschef der Welt - alle Achtung. Wahrscheinlich wird er demnächst einen Schnellkurs “das ABC der Diplomatie für politische Einsteiger” besuchen. Dazu zwei Dinge: a) Einsicht ist immer noch der erste Weg zur Besserung und b) mit Scherben hat man immer ein gewisses Problem.

Why call him God?

Wednesday, January 12th, 2005

Gerade studiere ich in der spärlichen Freizeit statt des Spätprogramms deutscher Fernsehsender die großartige BBC-Dokumentation “a brief hystory of disbelief” von Jonathan Miller. Unter anderem stieß ich hier wieder auf den grandiosen Gedankengang des Epikur, in dem er sich mit der Frage nach der Existenz und Natur Gottes beschäftigt.


If God is willing to end suffering but not able, he is not omnipotent.
If he is able to end suffering but not willing, he is malevolent.
If he is both willing and able to end suffering, Whence cometh evil?
If he is neither willing nor able to end suffering, Why call him God?

Mir drängt sich beim genußvollen Betrachten solcher durchdachten, erleuchtenden und gleichzeitig unterhaltsamen Dokumentationen, die eben auch vor Epikur nicht zurückschrecken, immer wieder die Frage auf, warum unser großartiges deutsches öffentlich-rechtliches Fernsehen etwas Vergleichbares nicht auf die Beine stellen kann.


If German public TV is willing to produce great edutainment but not able: get rid of it.
If German public TV is able to produce great edutainment but not willing: get rid of it.
As a matter of fact German public TV is NOT willing AND able to produce great edutainment, so getting rid of it looks inevitable.
At last, if German public TV is neither willing not able, well, get rid of it.

Visualisiert

Wednesday, January 12th, 2005

Wenn Sie schon immer einmal wissen wollten, wie das Internet grafisch visualisiert aussieht, dann können Sie das auf der Seite des OPTE-Projekts erfahren. Die Jungs haben Spaß daran, die Datenströme im Internet zu verfolgen, Herkünfte farblich zu kennzeichnen und das Ganze als schicke Grafik darzustellen. Der daraus resultierende Erkenntnisgewinn mag fraglich sein, jedenfalls haben die Ergebnisse eine ganz eigene, abstrakte Schönheit.

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Link gefunden via Dr. Web.

Die Blogosphäre reflektiert sich selbst. Fast.

Monday, January 10th, 2005

Da schreibt die Insight Online, dass es sich bei Weblogs im Großen und Ganzen um eine Senfstauentleerung handelt. Böse Insight Online! Klaus diskutiert, ob das so stimmen kann; der Dienstraum bring ein paar (ganz gute aber nicht verallgemeinerungsfähige) Argumente, warum das doch auch ganz dufte ist und (der hochgeschätzte, nur um Missverständnisse auszuschließen!) Robert hält die Herren für Banausen.

Tatsächlich hat die Insight-Online nicht recht. Aber nicht, weil Weblogs toll sind, sondern weil sie („Weblogs“ als Synonym für die Blogosphäre gebraucht) noch viel weniger toll sind, als selbst die Insight-Online glaubt. Weblogs sind nicht einmal Senfstauentleerer. Sie sind weniger.

Soviel vorweg: es gibt in Deutschland einige wirklich gute Blogs zu Fachthemen, die drei im ersten Absatz gehören da übrigens ganz sicher dazu. Wirklich formidabel ist allgemein die Fachszene zu web-technischen, IT- und Agenturfragen. Aber wirklich meinungsmachende Blogs; Blogger, die wie in den USA zum Bericht über Wahlkampfveranstaltungen eingeladen würden; Blogs, die von echten Spin Doctors betrieben werden, die gibt es nicht.

Stattdessen gehen die allermeisten Blogs nicht über bessere Linklisten hinaus. Da werden im besten Fall noch Nachrichten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit und der Beliebigkeit des Bloggers unterworfen) weitergegeben: „Du, ich hab da was gefunden, das steht da (link)“. Toll.

Wo bitte bleibt die Meinung, wo die Auseinandersetzung, wo der Kommentar? Eine Suchmaschine kann ich selbst bedienen und den SPON und Heise aufrufen auch. Weblogs, die Nachrichtenmagazine einfach mangels Manpower nicht ersetzen können, machen mich gerade Sinn, weil sie eben eine subjektive Komponente zur Nachricht zugeben können. Die Diskussion, die subjektive Sicht, das ist doch das spannende an Blogs. Also das Zugeben von Senf im besten Sinne.

Aber wo bleibt das? Wo sind denn die spannenden Diskussionen politischer Tagesfragen? Wo ist die Meinungsbildung im Internet-Volk durch digitale Grassroot-Medien? Na?

Heimliche Vaterschaftstests verbieten? Nein!

Friday, January 7th, 2005

Derzeit sehr heftig und hochemotional diskutiert wird das geplante Gesetz zum Verbot heimlicher Vaterschaftstests. Der Plan, diese mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr zu belegen, ist umstritten nicht nur in der Politik – wobei die Fronten quer verlaufen – sondern auch in der Gesellschaft und der Blogosphäre; ein eindeutiger Trend Richtung Befürwortung oder Ablehnung ist für mich hier derzeit nicht absehbar..

Im Mittelpunkt der Diskussion stehen vor allem zwei Fragen.

Zum einen geht es natürlich um Familienfrieden und Kindswohl, diese sollen vermeintlich geschützt werden. Vergessen wird m.E. hier der alte (außerrechtliche) Grundsatz: lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Sprich: Jahrzehntelange Ungewissheit in der familiären Situation, Zweifel, Vorwürfe und Anfeindungen dürften dem Kindswohl bereits recht mittelfristig deutlich mehr schaden als Klarheit und Gewissheit.

Im weiteren geht es aber auch um Persönlichkeitsrechte, vor allem die des Kindes, die geschützt werden sollen. Ich meine: Persönlichkeitsrechte haben nicht nur Kind und Mutter, sondern auch der Vater des Kindes – der es nämlich vielleicht gar nicht ist. Wessen Rechte hier schwerer wiegen, mag problematisch sein. Auf der Seite der Testbefürworter streitet neben den rein persönlichkeitsrechtlichen Erwägungen aber noch ein weiteres Rechtsgut: das auf Kenntnis der Wahrheit. Wie das Verlangen nach dieser in einem freiheitlich organisierten Land unter Freiheitsstrafe (!) gestellt werden soll, ist mir absolut unbegreiflich.

Im Übrigen halte ich es für grundverkehrt, ausgerechnet die Mutter, die nun ein ganz besonderes eigenes Interesse in diesen Angelegenheiten hat, zur Wahrerin der Interessen des Kindes zu machen. Da wird wohl der Bock zum Gärtner.

Alles in allem wieder ein typisch verfehlter Gesetzesentwurf, wie man sie aus dem Hause Zypries inzwischen leider gewohnt ist.

Warum die Türkei in die EU gehört

Tuesday, January 4th, 2005

Eine Diskussion, die uns wohl noch zehn oder zwölf Jahre begleiten wird ist, ob die Türkei Mitglied der EU sein sollte. Auch die Blogosphäre widmet sich dem Punkt, tendenziell wohl eher bejahend, etwa im NachGedacht, oft mit Seitenhieben gegen die unsäglichen Versuche der Union, mit dem Thema Politik im Reichskristallnachstil zu betreiben. Die Türkei gehört in die EU, und ich meine, das ist offensichtlich.

Klar ist, dass der Betritt im Interesse der Türkei liegt. Die Beispiele Spanien und Portugal zeigen, wozu ein langfristiger Transfer von Know-How, Geld, Rechts- und Verwaltungssystemen und Gutem Willen führen: zu Prosperität, Fortschritt; politischer Stabilität und Wohlstand. Nicht zu vergessen ist (auch in Deutschland) die Ausrede, „Brüssel wolle das so“ gern ein Rettungsanker für Politiker, um unpopuläre aber notwendige Maßnahmen durchzusetzen.

Der Beitritt liegt aber auch im ureigensten Interesse Europas. Das hat

  • wirtschaftliche (die türkische Wachstumsdynamik liegt klar über dem EU-Schnitt),
  • militärische (die Türkei ist eine ernstzunehmende und in der NATO verlässlich eingebundene Militärmacht) und
  • soziale (die Bevölkerung der Türkei ist ausnehmend jung, anders als die überalternde EU-Bevölkerung), vor allem aber
  • (geo-)politische Gründe.

    Die Türkei ist ein Staat, der (bei allen bestehenden Problemen) erfolgreich vorführt, dass islamischer Glauben, Toleranz, Demokratie und wirtschaftliche Erneuerung zusammen funktionieren. Wenn es ein Land gibt, das glaubwürdig zwischen christlich und islamisch geprägten Ländern vermitteln kann, dann die Türkei. Und wenn es ein Land gibt, das reiche Erfahrungen mit der Säkularisierung einer islamisch geprägten Gesellschaft hat – ein Prozess, der vielen Ländern noch bevorsteht – dann dieser Staat zwischen Europa und Asien.

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    Genau hier, wo die Türkei ganz unbestreitbar Expertise und – angesichts der Größe der Aufgabe – bewundernswerte Erfolge aufweist, werden die Weichen der Zukunft Europas und seiner Nachbarn gestellt. Während die USA den Versuch starten, Demokratie mit Feuer und Schwert im Nahen Osten zwangsweise zu etablieren, könnte die EU mit einem Mitglied Türkei ein sehr viel sanfteren, willkommeneren und erfolgversprechenderen Versuch in diese Richtung unternehmen. Ein Erfolg hier wäre nicht nur für die Sicherheitslage in Europa, sondern auch für dessen wirtschaftliche Aussichten, ein unermesslicher Gewinn.

    Umgekehrt, wenn die Türkei außen vor bleibt oder bleiben muss, welches Signal sendet das an die Welt? Wird das, muss das nicht so verstanden werden, dass die Trennlinie zwischen den Religionen verläuft? Die Aussage wäre klar, dass hier ein Land mit einer Bevölkerung mehrheitlich islamischen Glaubens gerade wegen dieses Umstandes ausgegrenzt wird. Die Folge wäre eine Radikalisierung der islamistischen Kräfte. Statt einen Partner zu gewinnen, der viel Gutes in einer unruhigen Region tun kann, würde man ein ganzes Land in genau das falsche Lager stoßen. Das kann nicht sinnvoll sein.

    Übrigens: vielerorten wird als Argument gegen einen Beitritt angeführt, dass gerade die Türken im Ausland, etwa in Deutschland, sich auf (tatsächliche oder vermeintliche) Wurzeln und Werte ihres „Heimatlandes“ (in Anführungszeichen, weil das meist die zweite oder dritte Generation im „Gastland“ ist) besinnen, und dies seien eben nicht die klassischen EU-Primärtugenden (vgl. auch die Diskussion bei Besim).

    Das mag sein. Es sagt aber nichts über die Türkei aus, dort leben diese Menschen ja nicht (mehr), sondern etwas über das „Gastland“. Nämlich über dessen Unfähigkeit zur Integration von Menschen mit anderer kultureller Herkunft.