Wenn auch schon viel über das Thema geschrieben wurde und einiges davon sogar auf meinem Nachtschränkchen aufgeschlagen ist und wurde, beschäftigt mich doch immer mehr die Frage der Werte. Woher kommen die und worin finden die ihre Begründung? Beanspruchen sie nur relative oder absolute Geltung? Kann oder sollte man sie hinterfrage und gegebenenfalls ändern? Berechtigen – oder verpflichten sie gar! – zum Eingriff in fremde Positionen, wenn diese einzelnen anerkannten Werten oder dem aus diesen gebildeten System widersprechen?
Ich bin nicht gläubig, jedenfalls nicht im üblichen Sinne der Überzeugung, dass irgendwo eine höhere Macht existiere, die das Leben der Menschen verursacht hat oder beeinflusst und die moralische und sittliche Werte verordnet und über deren Einhaltung wacht und schlussendlich richtet. Diese Vorstellung scheint mir, ungeachtet ihrer weiten Verbreitung, zumindest – mit Verlaub – skurril zu sein. Sie taugt mir damit jedenfalls kaum, um ein tragfähiges Fundament für mein Wertesystem zu geben. Dabei bestreite ich nicht, dass einige der Werte, die etwa das Christentum empfiehlt, durchaus willkommen sind, etwa das Tötungsverbot. Andere sind reichlich fragwürdig, etwa, dass man den Namen des HERRN nicht ohne guten Grund im Munde führen soll.
Religiös begründete Werte haben zudem reichlich viele Nachteile. So sind sie schon über die verbreiteten Religionen gesehen nicht besonders konsistent. Die Vielehe wird im Islam nicht nur erlaubt, sondern wirtschaftlich leistungsfähigen Männern zum Zwecke der Versorgung der Witwen sogar nahe gelegt. Im Christentum sieht man das anders. Unangenehm ist mir auch, dass viele religiös inspirierte Wertesysteme kraft des Rückgriffs auf eine höhere Macht, die eben auch die einzige Wahrheit darstellt, damit eine Entscheidung nicht allein über das System, sondern einen ganzen Rattenschwanz an theologischen Fragen nach sich ziehen. Zudem ist es unmöglich, einen Konflikt zwischen den alleinige Geltung beanspruchenden Systemen zu lösen, wenn jedes der Systeme sich letztlich auf den Glauben stützt. Denn den kann man haben oder auch nicht. Die Religion halte ich daher für ab und an ganz nützlich, aber völlig untauglich, die hier aufgeworfenen Fragen zu lösen. Dabei ignoriere ich keineswegs, dass sie das dennoch viele Jahrhunderte praktisch ganz gut gelöst hat.
Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass Werte sich im Grundgesetz finden, dass überhaupt das geltende Recht auch eine Werteordnung darstellt. Das ist aber hochgradig unbefriedigend, denn Gesetze, auch die Verfassung, lassen sich doch relativ leicht ändern, zudem sind auch hier Differenzen oder zumindest unterschiedliche Akztentuierungen zwischen verschiedenen Nationen feststellbar. Zuletzt haben Gesetze die üblichen Legitimationsprobleme: es gibt keine einheitliche und einleuchtende oder auch nur allgemein akzeptierte Antwort auf die Frage, warum etwa das Grundgesetz gerade so und nicht anders aussehen muss. Das positive Recht beantwortet – anders als die Religion – nicht die Frage nach dem „Warum“, selbst das Grundgesetz hält es ja für nötig, sich auf Gott zu berufen. Dass die Antwort der Religionen – weil es eben Gottes Wille sei – letztlich ebenso wenig befriedigend ist, muss dabei natürlich klar sein.
Leider kann ohne eine Antwort auf das „Warum“ ein Großteil der Frage, für deren Beantwortung wir ein Wertesystem bräuchten, nicht gelöst werden. Etwa die Entscheidung, ob die Stammzellenforschung eine gute Idee oder ganz schrecklich ist, findet sich nur mit viel Mühe, und vor allem nicht in bestehenden Gesetzen. Vielmehr versuchen ja Ethikkommissionen gerade Antworten auf die Frage zu geben, wie denn Gesetze aussehen sollten. Die Ethik erscheint damit der gesetzlichen Regelung vorgelagert, ohne, dass die Verfassung eine sinnvolle Richtschnur gäbe.
Die juristisch fundierten Überlegungen haben immerhin den Vorteil, dass man, wenn man etwa den Katalog der Freiheitsrechte des Grundgesetzes durchsieht, feststellt, dass eigentlich alle der dort genannten Rechte letztlich den Werten „Freiheit“ und „Menschwürde“ dienen. Diese scheinen damit Werte auf einer sehr viel profunderen Eben zu sein, aus denen sich Details ableiten lassen. Das ist insoweit praktisch, als diese beiden Grundwerte wahrscheinlich noch von relativ vielen geteilt werden. Allerdings eben nicht von allen, etwa „Freiheit“ des Individuums wird ja oft als nachrangig gegenüber dem Erfolg des Gemeinwesens gesehen. Zu einem wirklich befriedigenden Ergebnis führt auch das also nicht.
Derzeit denke ich – ganz sicher nicht als erster – darüber nach, ob Werte nicht naturwissenschaftlich, zum Beispiel bei Darwin, verankert werden können. Gut wäre dann, was dem Überleben des Menschen als Spezies nützen würde. Immerhin ist die Evolution, die ständige Weiterentwicklung, das Tasten nach neuen Möglichkeiten, eine Konstante dieser Welt.
Der Gedanke kam mir eine zeitlang brillant vor. Zwar gäbe es immer noch Prognoseprobleme, also ob Stammzellenforschung dem Überleben des Menschen nutzt oder nicht, aber das sind eher technische Aspekte – im Zweifel würde zudem gelten, das Forschung wegen der Erweiterung der Möglichkeiten des Menschen als Spezies immer gut ist.
Viel schwerwiegender finde ich den Einwand, dass hier ein Faktum – die Konstanz der Evolution – zum Wert wird. Woher wissen wir denn, dass das „gut“ ist? Evolution ist ja blind, stellt selbst also keinen Wert dar. Dennoch finde ich derzeit diesen Ansatz befriedigender als die vorgenannten. Aber ich denke mal noch ein wenig drüber nach…