Archive for December, 2003

Worteier

Thursday, December 11th, 2003

     Ja ich weiß, jeder kennt es schon. Ich weiß auch, dass man nicht zugeben darf, schon gar nicht a) öffentlich im Blog, sich als b) Anwalt c) im Büro in stillen Mittagspausen oder d) um sich vor unangenehmen Terminen noch schnell mental zu stärken das da zu spielen. Aber ich kann nicht anders, als es der Welt mitzuteilen. Der Geist ist nun mal williger als das Fleisch schwach oder so. Also Welt: klick mal da drauf.

Tragödie:
Abgang halbiert Niveau

Tuesday, December 9th, 2003

     Wahnsinnig viel zu tun. Aber Zeit für das Feuilleton muss dann doch noch sein. Und da: eine der seltenen Perlen zum Abschied Schmidts und zur Kritik an der verbleibenden Rest-Unterhaltungslandschaft: (…Beim derzeitigen verbohlten und -naddelten Zustand der Medien) “muss Schmidt da nicht, darf er nicht die Hände in den Schoß legen und der Selbstvernichtung der Belanglosen zusehen?”
     Ja, darf er.

Jesus war kein Party-Hopper

Sunday, December 7th, 2003

     Oftmals ergibt es sich, dass man an einem Tag auf mehrere Partys eingeladen ist. So auch gestern. Die Entscheidung, wo man hingeht, fällt oft schwer: die eine Gastgeberin ist für die üblicherweise zur Feier gereichten Salate bekannt, die andere Party findet regelmäßig als gepflegtes Rumstehen mit Sektglas statt. Eine schwere Wahl, also geht man auf beide Veranstaltungen. Party-Hopping nennt man das.
     Eine kleine Bibel-Exegese sagt uns, dass dies kein christliches Verhalten ist: Jesus hätte das nicht getan. Er war vielmehr an Nachhaltigkeit – Sustainability – hinsichtlich solcher Feiern interessiert. Wenn eine Party sich nicht recht entwickelte oder sonst Mängel hatte, wich er nicht gleich auf die nächste Veranstaltung aus – obwohl er das gekonnt hätte, schließlich war er ja bekannt wie ein bunter Hund und hatte zweifellos einen vollen Terminkalender. Vielmehr warf er sich und seine Fähigkeiten voll in die Wagschale, um aus der Sache noch einen vollen Erfolg werden zu lassen.
     So war es etwa – nachzulesen bei Johannes – bei einer Feier in Kana in Galiläa, bei der die Getränke vorzeitig ausgingen. Unsereins hätte nun sicher überlegt, wie er gesichtswahrend den Ort verlassen und in die nächste Kneipe versacken könnte. Jesus dagegen nutzte seine ausgezeichneten Verbindungen und verwandelte kurzerhand ordinäres Wasser aus der Leitung in Wein. Die Party war damit gerettet. Wer bis dahin seine Visitenkarten noch nicht verteilen konnte, hatte weiterhin ausreichen Gelegenheit dazu.
     Natürlich wird das noch einige andere interessanten theologische Fragen auf, die bisher in Forschung und Lehre eher stiefmütterlich behandelt wurden. So ist unsere Position zum Party-Hopping offenbar in der Schrift deutlich verankert. Anerkanntermaßen ist das etwa für den Pflichtzölibat nicht der Fall. Da aber die Schrift allein, das Wort Gottes, und nicht Menschenwerk, Richtschnur des christlichen Handelns sein kann, muss doch gelten, dass das Gebot des nachhaltigen Partybesuchs höher steht als etwa das Verbot der Priesterehe!
     Man sieht, auch heute noch sind hier viele Fragen ungeklärt, viel muss noch durchdacht werden, viel bleibt zu erkennen.

Recht, Blödsinn:
Ich denke, dass Du denkst, dass ich denke…

Saturday, December 6th, 2003

     …ad infinitum. Der Spiegel-Artikel “Aufstieg und Fall eines Busens“ zu Frau Gsell ist natürlich inhaltlich keinen Kommentart wert. Seine Form aber schon. Man beachte bitte, mit welchem Geschick die – wie alle Hamburger Pressler, mit allen Wassern gewaschenen – Spiegel-Leute die Nürnberger „Medien-Anwälte“ („folgende Ausdrücke dürfen nicht verwendet werden: die Wörter Busenwitwe und Schwarze Witwe…“) über den Tische gezogen haben. Sie verwenden die Ausdrücke nicht als eigene Wertung, sondern berichten über das Verbot durch die Anwälte und die Berichte in anderen Presseorganen. Und führen die „verbotenen“ Bemerkungen durch die Hintertür damit wieder ein – was die Sache nur noch lächerlicher erscheinen lässt, als sie ohnehin schon ist.
    &nbsp „Die Dummheit, mit der diese Leute ihren Niedergang betrieben haben, ist erstaunlich“, soll einer der Ermittler gesagt haben. Die meisten brauchbaren Medienmenschen werden das noch weiter sehen: mit derselben Intensität an Dummheit wird dieser Niedergang nun weiter betrieben. Man lernt halt nie aus. Nie.

Totengräber

Saturday, December 6th, 2003

     Ich wusste, dass es so etwas geben muss, aber wagte nie zu fragen: Die Online Todesanzeigen nebst Kondolenzlink und Bestattungsinstitut-in-der-Nähe-find-Service. Wahrlich, nichts Menschliches ist mir fremd.

Der kurze Weg zur Legende

Friday, December 5th, 2003

     An dieser Stelle und als Vorrede für das Kommende ist es wohl Zeit, zu bekennen: Ja, ich lese die FTD im Abonnement, vor allem Alex, den Comic auf dem letzten Blatt des ersten Buches. Und natürlich die Wochenendbeilage.
     Widme ich mich dann – ganz gegen jede Gewohnheit – doch einmal dem inhaltlichen Teil des Blattes, muss ich mich ab und an wundern. Im Leitartikel „Natürliche Autorität“ (Ausgabe vom 5.12.03, S. 31 – das ist ein Offline-Link ;-) wird wie folgt ausgeführt: „Zur Debatte stehen vielmehr Akzentverschiebungen in einem Institutionengefüge, das der EZB heute mehr Unabhängigkeit sichert, als es die legendäre Bundesbank je besaß.“
     Die Absicht des Autors, das Majore-ad-minus-Argument, ist mir schon klar. Dennoch: legendär, trifft es das? James Dean mag eine Legende sein oder die die alten Silberpfeile, aber ausgerechnet die Bundesbank, und auch schon so kurz nach ihrer Transformation? Wie lange dauert es eigentlich, eine Legende zu werden, und vor allem, wenn man – auch mit verändertem Aufgabenbereich – noch lebt, noch „da“ ist, kann man dann eine Legende sein?

Vom Nutzen des scheinbar Nutzlosen

Wednesday, December 3rd, 2003

     Mit Interesse las ich heute bei der Durchsicht der üblichen Verdächtigen, dass ein 26-jähriger Mathematikstudent – mehr oder weniger zufällig, da er nur Rechenzeit zur Verfügung stellte – die größte bisher bekannten Primzahl entdeckt hat. Das Ding ist furchtbar beeindruckend, 6.320.430 Stellen lang, und hat eine Interessante Eigenschaft: es ist eine Mersenne-Zahl.
     Primzahlen haben natürlich – vor allem in der Kryptographie – ganz praktische Anwendungen, im Großen und Ganzen sind sie aber sicher von eher theoretischem Interesse. Es ist einfach interessant, Theorien über die Verteilung der Primzahlen unter den natürlichen Zahlen zu finden oder sich den Kopf über sonstige Eigenschaften dieser seltsamen Zahlen zu zerbrechen. Die Beschäftigung mit solchen Dingen ist weitgehend Selbstzweck.
     Man kann das natürlich auch für unnütz und für Zeitverschwendung halten. Immer wieder hört man ja, die Wissenschaft solle sich lieber praktischen Problemen zuwenden; solange es Hunger und Elend auf der Welt gäbe, mache es keinen Sinn, irgendwelchen Theorien nachzuhängen oder Gedankengebäude zu entwickeln, von denen niemand satt werde. Mit demselben Argument kann man natürlich – und tut dies auch sehr oft – die Raumfahrt für überflüssig halten. Oder Kunst und Kultur. Oder jede Wissenschaft überhaupt. Philosophie, Mathematik, Soziologie: alles Blödsinn. Da wäre es doch besser, wirklich sinnvolle, „praktische“ Dinge zu tun, statt Leute auf den Mond zu schicken, über den Ursprung des Bewusstseins nachzudenken oder eben Primzahlen zu suchen.
     Natürlich würden wir, wenn man diese Einwände ernst nähme, allesamt noch auf Bäumen sitzen und nach Bananen hangeln. Denn das ist es ja, was aus dem Menschen; aus der gesamten Menschheit, das gemacht hat, was sie ist: die Neugier. Und Neugier eben über den Tag, über das konkrete Problem (was esse ich jetzt, wo schlafe ich, wen kann ich begatten) hinaus. Nur der Mensch fragt sich, warum die Dinge so sind, wie sie sind; ob man sie vorhersagen oder beeinflussen kann und was eigentlich all dem zugrunde liegt.
     Vielleicht sollte ich es einfach zugeben: Ich halte Primzahlenforschung für ausgesprochen sinnvoll.

Informationsfreiheit? Abwesend!

Tuesday, December 2nd, 2003

Wir Deutschen sind ja spätestens seit dem Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts ziemlich stolz auf die großartige Errungenschaft des Datenschutzes, die natürlich nirgendwo so perfekt – wenn nicht schon perfektionistisch – umgesetzt wird, wie hierzulande. Kleinere „Rückschläge“, wie die bundesweite Installation eines Scansystems für Autokennzeichen seien da mal außen vor.
     Interessanterweise wird dabei „Datenschutz“ immer nur als der Schutz vor dem Sammeln personenbezogener Daten verstanden, dass also eine bestimmte Stelle Daten nicht erheben, speichern oder verarbeiten darf. Vergessen wird aber die Kehrseite der Medaille, die Informationsfreiheit. Wenn ich denn schon jemandem erlaube, dass er meine Daten verarbeitet, oder er dazu gesetzlich berechtigt ist, sollte ich doch wenigstens wissen dürfen, welche Daten das betrifft und was mit ihnen geschieht.
     Aber natürlich geht Informationsfreiheit noch viel weiter. Vielleicht interessiert mich ja auch, was der Staat, den ich mit meinen Steuergeldern finanziere und der mich trotzdem beherrscht; dessen Vertreter ich wähle, obwohl sie sich dann vier Jahre nicht besonders um meine Meinung kümmern, so treibt. Was in Behörden so behördlich getan wird, was Ministerien an Akten zu Themen von öffentlichem Interesse anlegen, was öffentlich angestellte Untersuchungen ergeben. Erstaunlicherweise sieht es düster aus. Wohlgemerkt: nur hier im Sinne von wirklich fast nur hier. Mehr oder weniger alle anderen funktionierenden Demokratien, etwa die „Klassiker“ Großbritanntien und USA, haben ein eigenes – meist sehr altes und bewärtes – Gesetz zur Informationsfreiheit. Neben einigen vielleicht nicht gerade für demokratische Traditionen bekannten Ländern wehrt sich allein Deutschland gegen eine solche Vorschrift, obwohl das doch gerade das Teil des Wahlversprechens von Rot-Grün war. Inzwischen darf das geplante Gesetz wohl als im Zuge der Abschaffung mehr oder weniger aller Freiheitsrechte der Bürger im Zuge des Antiterrorkampfes als gescheitert angesehen werden.
     Ich halte das für einen Skandal; glaube, man müsste jeden Tag auf die Straße gehen, den Volksvertretern auf die Füße treten, seine Meinung sagen. Interessanterweise interessiert die Sache sonst keinen.

Theorie des ethischen Krieges #1

Monday, December 1st, 2003

László Mérö beschreibt in seinem an manchen Stellen wunderbaren Buch “Die Logik der Unvernunft“ mit wirklich hervorragenden Beispielen, wie es kommen kann, dass in vielen spieltheoretisch beschreibbaren Situationen für die ethische Bewertung einer bestimmten Handlung nicht so sehr wichtig ist, WAS getan wird, sondern WARUM.
     Das Argument beruht auf dem 100.000 $ Spiel von Douglas R. Hofstadter. Hier war es ja so, dass die Handlung des Lesers der Bekanntmachung des Gewinnspiels nicht danach ethisch beurteilt werden konnte, ob sie in Teilnahme oder Nichtteilnahme besteht, sondern allein danach, ob der Leser zuvor einen Würfel mit 65.000 Seiten geworfen hatte. Das Ganze ist eine nette mathematische Beschreibung von Immanuel Kants Konzept des kategorischen Imperativs bei gemischten Spielstrategien.
     Wenn man das nun zuende denkt, wirft es einige ganz tagesaktuelle Fragen auf. Nehmen wir doch für einen Augenblick folgende Situation: Ein Land wird regiert von einem Diktator, einem hunderdtausendfachen Massenmörder, der seine Nachbarn überfällt, die Opposition unterdrückt und auch sonst kein sehr angenehmer Geselle ist. Ein anderes Land – eine Demokratie – beginnt nun gegen dieses diktatorisch regierte Land einen Krieg. Der Grund oder Vorwand dafür ist, das Massenvernichtungswaffen unschädlich gemacht werden müssten, die anderenfalls – also ohne Krieg – den Frieden der Region oder der ganzen Welt bedrohen.
     Der Krieg ist (zunächst jedenfalls, Mao Tse-Tungs Theorie des Guerillakrieges lassen wir einmal außen vor) erfolgreich. Allerdings finden sich keine Massenvernichtungswaffen. Aber der Diktator ist verjagt.
     War der Krieg ethisch vertretbar oder nicht?