Bei der außerordentlich aufschlussreichen, wenn auch nicht einfachen Lektüre des Werkes „Ketzerei im Mittelalter“, Malcom Lambert, Callwey 1981 (sollte man unbedingt gelesen haben) bin ich auf einige interessante Parallelen der damaligen Häresien zu Erscheinungen der heutigen Welt, insbesondere im Bereich Pornographie gestoßen.
Im 12. Jahrhundert herrschte allgemein ein großes Bedürfnis nach Neuorientierung, Reform und sogar Umkehr in Fragen des Glaubens und der Religion. Die Kirche galt als verkommen und verstrickt in weltliche Dinge, in den Städten gewann das Bürgertum an Einfluss und Selbstbewusstsein. Die vergangene, rohe, an groben Materialismus orientierte Zeit wurde bewältigt, in dem sich Viele Werten wie Einfachheit, Armut und Askese zuwandten.
Das war das Substrat, auf dem vielfältige Formen des Ketzertums gediehen. Nun kam natürlich auch eine ordentliche Ketzerei nicht ganz ohne Werbung aus. Vor allem setzte man damals auf virales Marketing und einen Face2Face-Approach, bediente sich aber auch einiger sattsam bekannter Techniken.
Eine Ketzergruppe aus Köln etwa, zwar ohne echten (überlieferten) Namen, aber vermutlich eine Art Vorläufer der Katharer, hatte mehrere Zirkel oder Kreise; die genaue Struktur wechselte. Der äußere Kreis (eine Art einfache Mitglieder) wurde mit den üblichen ketzerischen Argumenten geworben: Back to the roots (also zum Neuen Testament), Abschaffung von (auch gemeinschaftlichen) Besitz der Geistlichen, Ablehnung der Sakramente (inklusive der Ehe, damit auch des Beischlafs und sämtlicher Zeugungsprodukte; also auch von Vanillejoghurt) etc. Also für damalige Verhältnisse relativ vernünftige oder jedenfalls nachvollziehbare Forderungen, im Großen und Ganzen eine Art „Katholizismus 2.0 meets Bogomilismus“ unter Ausschluss der Molkereiindustrie und der CMA.
Der innere Kreis dagegen hatte eine ganz eigene Religion mit wirren Glaubenssätzen, die offenbar unter dem Einfluss bewusstseinserweiternder Drogen zustande gekommen waren. Das schloss insbesondere Seelenwanderung und den Glauben an die Erschaffung der Welt durch einen bösen Gott ein.
Es wird spekuliert, dass die Gruppe „rationalistische Propaganda nur deswegen betrieb, um Anhänger zu gewinnen“. Anders gesagt: Man hat den Leuten etwas anderes verkauft, als sie bekamen. Man sagte ihnen, dass man eine ganz dufte neue Lehre habe, die echte Probleme löst, in Wirklichkeit hatte man aber nur Hirnmüll im Bauchladen, der einfach an den Mann und an die Frau gebracht werden sollte.
Woran erinnert uns das, na? Klar, an Suchmaschinen-Spamming. Nichts anderes tun die Leute, die in ihre Webseiten (über Katzen) fiese Keywords einfügen, oder wirre Entry-Seiten zu ihren Urlaubsseiten basteln, so dass man bei der (sehr beliebteb) Suche nach „dauergeile Schlampe Darmstadt“ die Darstellung des Grönlandurlaubs der Familie Mayer bekommt. Oder schlimmer umgedreht: man sucht nach etwas halbwegs sinnvollem, etwa „Baustrahler 500W Baumarkt online“ und landet auf einer Seite eines Herstellers von Analspielzeug („Glubbyglitsch macht glücklich“).
Es gibt einfach nichts Neues unter der Sonne.