Liebe Frau Will,
ich lebe derzeit in Indonesien, deutsches Fernsehen erreicht mich über DW-TV Asien. Ihre Sendung von Sonntag wird bei uns am Montagabend angesehen. Das heißt eigentlich nicht mehr. Von mir zumindest. Der Grund? Leider ist mir nicht so ganz klar, was Sie mit Ihren teils seltsam anmutenden Fragen eigentlich erreichen wollen. Polarisieren? Stigmatisieren? Traumatisieren? In jedem Fall sind die meisten Fragen einfach nur irritierend und vor allem eines - unnötig. Sie sollen ja die Leute nicht vorführen, sondern befragen; das verstehe ich zumindest unter professionellem Journalismus.
Bitte warum soll Ihnen ein Vorstandsmitglied verraten, was er verdient? Die Antwort war bereits gegeben mit dem Hinweis auf ein ähnliches Gehalt wie bei dem vorherigen Arbeitgeber, wo im Geschäfsbericht das Gehalt veröffentlicht werden muss, sprich es jeder nachlesen kann.
Ich bin übrigens kein Freund von der Veröffentlichung von Gehältern. Auch zum Schutze der Familien. Leider wecken Gehälter - nicht nur die unnötig hohen - in erster Linie Neid und wenig eherne Begehrlichkeiten. Ich würde nicht wollen, dass mein Kind auf dem Schulweg entführt wird, weil im druckfrischen, noch warmen Geschäftsbericht mein Gehalt ausführlich und aufgeschlüsselt in Grundgehalt, Zusatzleistungen und Optionsrechten nachzulesen ist. Es ist Sache des Aufsichtsrates, Gehälter zu genehmigen und zu kontrollieren und der Aktionärsversammlung dann auch Rede und Antwort zu stehen. Wer mit der jeweiligen Gesellschaft nichts zu tun hat, den gehen diese Dinge auch nichts an. Sprich eine mündliche Erläuterung in der Versammlung sollte genügen. Dies vielleicht auch an die Adresse von Herrn Scholz.
Aber nicht nur diese Fragen, auch die Fragen nach Gefühlen “hat sie das wütend gemacht?” tragen nicht gerade zur Aufklärung bei, sondern sollten der berühmten Couch und dann auch psychologisch geschulten Kräften vorbehalten bleiben. Unter uns, Provokation steht Ihnen auch nicht. Sie werfen dann das Gesicht so seltsam in Falten.
Sehr positiv überrascht war ich von Ihrem Publikum, welches genau immer an den Stellen Zustimmung zu Antworten äußerte, wo Sie das selbst wohl am meisten überraschte.
Nein, ich war nie ein Freund von Talksendungen und seit Ihrer Sendung mit der Bundeskanzlerin Frau Merkel (das hatten Sie so wohl auch nicht erwartet) sowie dem Kanzlerkandidaten Herrn Steinmeier und natürlich Ihrem Auftritt von Sonntagabend, lasse ich es lieber wieder ganz bleiben.
Bitte nehmen Sie die Zeilen nicht persönlich, die meisten Bürger teilen meine Meinung sicher ohnehin nicht.
Freundlichst,
Ihre Sonja Drexl-Trautmann