Das Wunder des Glaubens

Am Samstag konnte man in der Landsberger Allgemeinen eine interessante Notiz lesen: 50% der Deutschen wissen nicht genau, warum das Pfingstfest gefeiert wird. Viele glauben, dass es der Tag der Wiederauferstehung Jesu ist, einige haben schlicht gar keine Vorstellung: dabei ist es ja der Anlass des Pfingstfestes, dessen Auswirkungen wir auch heute noch spüren.

Ich hätte die Antwort gewusst. Genau genommen hätte ich sogar noch einige Geschichten dazu erzählen, die Sache ausschmücken können (die kleinen Flammenzungen zum Beispiel). Sonja bemerkte darauf, dass es sie wundere, dass ich für einen Atheisten immer halbwegs gut informiert wäre.

Das ist eine interessante Bemerkung. Ich fragte mich selbst warum das so ist.

Meine erste Antwort, ganz spontan, wäre wohl gewesen: Unglauben ist nicht gleich Ignoranz. Unsere Gesellschaft ist geprägt von tausenden Jahren Religion, die tägliche Sprache gefüllt mit Bibelzitaten, unser Wertesystem beruht auf uralten Vorstellungen, Wissenschaft und Philosophie fanden ihre derzeitige Form in der Auseinandersetzung mit der Religion.

Und ja, das ist ein Teil meiner Neugier auf Glauben und Religion. Aber es ist nicht der tiefer liegende Grund.

In Wirklichkeit muss ich mir eingestehen, rührt meine Faszination für Religion und Glaubenssysteme aus Unverständnis her.

Bei allem Respekt (und das ist keine Floskel) für echten Glauben, für tiefe religiöse Überzeugung, für Spiritualität, ist für mich persönlich so absolut klar, dass es entweder (a) kein höheres Wesen gibt oder (b) es so hoch und für uns unverständlich ist, dass das Konzept von “Glauben” angewandt auf dieses Wesen jeglichen Sinns absolut entbehrt. Diese “Überzeugung” (in Anführungsstrichen, weil es eher die Abwesenheit einer Überzeugung oder eines Glaubens im religiösen Sinn ist, eher Nichts als Sein) bringt es mit sich, dass ich keine Ahnung habe, was Menschen zum Glauben bringt. Der mentale Zustand des “Glaubens” ist mir so fremd, dass ich immer noch rätsle, was es damit auf sich hat. Das macht mich einfach neugierig, das empfinde ich als großes, faszinierendes Geheimnis.

Bei der Mehrzahl der nominal Gläubigen bin ich allerdings durchaus überzeugt, dass es sich um nicht hinterfragte Prägung oder Konvention oder schlicht um Faulheit zum Nachdenken handelt. Bei anderen habe ich das Gefühl, dass der Betreffende aus einem Gefühl der Leere oder Sinn- und Orientierungslosigkeit seines Lebens nach einer Substanz gesucht hat, die diesen Zustand beseitigt und das in Spiritualität und Glauben fand.

Das sind selbstverständlich keine ernst zu nehmen Gründe für Glauben.
Abseits dieser Ausprägungen scheint es aber tatsächlich so etwas wie “echten” Glauben zu geben. Aber woher kommt der?

Ist es - wie viele ja vermuten - “fest verdrahtet” im menschlichen Hirn? Eine archaische Überlebensstrategie, ein Vorteil in den hunderttausenden Jahren von Jagen und Sammeln lang vergangener Zeiten? Eine Form von Sedativum, ein Rauschmittel, welches das Leben erträglicher macht und für das wir (wem?) dankbar sein sollten? Eine Agens zur Sicherung sozialer Strukturen der Herrschaft, Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung, also ein wirksames (und damit notwendiges) Mittel zur Strukturerhaltung? Und wenn es so “angelegt”, oder “vorgezeichnet” ist, ein archaischen Programm, ein Instinkt, kann Glaube dann “richtig” oder “wahr” (in welchem Sinn auch immer eine Überzeugung oder Glaube “wahr” sein soll)? Oder findet sich im Glauben doch eine Einsicht in eine tiefere “Wahrheit” (was immer nun schon wieder Wahrheit sein soll), ist er „gegeben“?

Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es etwas ganz anderes. Etwas, das ich schlicht nicht verstehen kann. Aber dann frage ich mich, warum mir das Rätsel des Glaubens verborgen bleibt, wo es sich doch offenbar für so viele Menschen, heute lebende und aus vergangenen Generationen, so ohne weiteres enthüllt.
Das also ist die Faszination. Zu verstehen, warum Andere glauben und ich das nicht tue. Herauszufinden, ob ein großer Teil aller Menschen an einer art seltsamen “Disposition” leidet oder ob das eher auf die Ungläubigen zutrifft. Und zu sehen, ob ohne Glauben etwas fehlt.

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