Es reicht!

Eine späte Reaktion, aber dazu wollte ich noch etwas sagen:

Michael Wolffsohn hat’s mal wieder geschafft – einen Vergleich zwischen zwei Dingen zu ziehen, die so viel miteinander zu tun haben, wie Blumen pflücken und melken. Der gute Münti hatte Unternehmen mit Heuschrecken verglichen, die sich auf einem Feld niederließen, vollfräßen und dann weiterzögen (die Diskussion kennt inzwischen wohl jeder).
Wolffsohn, der bislang eigentlich nicht weiter aufgefallen ist (vermutlich deshalb), hat nun diese Aussage mit der antijüdischen Hetze der Nazis verglichen. Nicht dass er der erste wäre, der sich so ein Publikum verschaffen möchte. Aber bitte: LASST UNS ENDLICH DAMIT AUFHÖREN!!!
Lasst uns endlich einfach wieder nur diskutieren, ohne dass man sofort Gefahr läuft, als Antisemit und NS-Sympathisant zu gelten oder jemand, der die Vergangenheit verharmlost. Mir tut heute noch die arme Almsick leid, die als Hitler-Sympathisantin geächtet wurde, weil sie sich erlaubte zu äußern, Hitler sei eine interessante Persönlichkeit gewesen (und ich habe jetzt bewusst nicht „in ihrem jugendlichen Leichsinn“ hinzugefügt).
Die Schrecken des dritten Reiches waren nicht zuletzt deshalb überhaupt möglich, da Deutschland – gedemütigt durch den Versailler Vertrag – nurmehr mit eingezogenem Kopf vor sich hin laborierte. Geprügelte Hunde beissen gern (oder suchen sich jemanden, der für sie beißt), sagt schon ein altes Sprichwort. Darum lasst uns endlich stolz darauf sein, was wir trotz und wahrscheinlich gerade wegen unserer Vergangenheit in punkto Demokratie, europäischer Integration, Unterstützung von Schwellen- oder Drittländern, Katastrophenhilfe, Vereinte Nationen, zwischenstaatlicher Aussöhnung und, und, und… erreicht haben. Demokratie und die Wahrung der Menschenrechte sind heute unabdingbar und unumstößlich in unserer Mitte verankert, offene und unbelastete Diskussionen sollten und müssen daher möglich sein. Wir sind heute gleichberechtigter Partner auf internationaler Ebene, daran ändert auch unsere Vergangenheit nichts. Ich denke, wir können mit unserer Geschichte nur richtig umgehen, wenn wir es uns erlauben und es uns erlaubt wird, endlich auch objektiv damit umzugehen. Mit Verharmlosen, Vergessen oder Verherrlichen hat das nichts zu tun. Jedes Land hat seine Geschichte, eine lange, eine kurze, eine stolze, eine heroische oder auch eine blutige. Deswegen sollten wir auch aufhören zur Entschuldigung mit dem Finger auf andere zu zeigen (Amerika hatte aber Vietnam und die Indianer, die Türken die Armenier, Stalin das eigene Volk u.s.w.). Lasst uns akzeptieren, aber nicht vergessen, hinnehmen, aber nicht verharmlosen, uns neu engagieren ohne zu relativieren. Nichts können wir mehr ungeschehen machen, aber wir können unsere Kinder fest verwurzelt in den demokratischen Grundwerten erziehen, so dass solch eine Katastrophe nie wieder geschieht - nirgendwo. Jedes Land, jede Gesellschaft und jeder einzelne Bürger hat ein Recht auf eine von der Vergangenheit losgelöste unbelastete Zukunft ohne ständig unter Pauschalverdacht zu stehen.
Eine gesunde und widerstandsfähige Demokratie ist nur möglich, wenn wir endlich wieder an Selbstbewusstsein gewinnen, denn nur dann (nicht durch einen hilflosen Schrei nach neuen Gesetzen) können wir auch einem neuen Aufkeimen rechter Kräfte sinn- und kraftvoll entgegenwirken. Also bitte - lasst uns endlich damit aufhören.

3 Responses to “Es reicht!”

  1. konrad Says:

    Wenn Arne seine Kinder nur nach “demokratischen Grundwerten” erzieht, und seine Kinder sehr frueh beginnen, nur von Recht, Freiheit, Fernsehgucken, Sex und Freizeit undsoweiter dann wird es tatsaechlich bald wieder eine Katastrophe geben.

    Wer sind die “Heuschrecken”?
    Abruchunternehmer, Schrotthaendler, die nur das machen, was frueher oder spaeter sowieso irgendjemand machen muss: Abreissen.

    Der Blick auf die “demokratischen Werte” hilft den bein- oder arbeitsplatzamputierten Menschen dabei wenig.
    Und niemand darf mehr sagen, dass ein Otto v. Gierke vielleicht das bessere “demokratische Prinzip” vorschlug, wo der Gemeinnutz -nicht die Rendite OHNE Ruecksicht auf Familien/Dorf/Staatsgemeinschaften - in den Bilanzierungsregeln eines Unternehmens seinen Vorrang bekommt.
    Wer wagt es noch zu sagen, dass wir stattdessen in einer “undemokratischen” Demokratur leben, wo Gemeinnuetzige Unternehmen verbetriebswirtschaftet werden und die Verschuldung irrwitzige Hoehen erreicht?

    Welche “demokratischen Grundwerte” lehrt eigentlich Arne seinen Kindern ?
    Und ist das Wort “Heuschrecke” nicht eine Schmaehkritik, welche in unserem Rechtsstaat unzulaessig ist ?
    Ich finde Wolfssohns Kassandraruf wertvoll, denn die Katastrophe, die Waehrungs- und Verwaltungsreform, kommt immer naeher….
    Gruesse von
    Konrad

  2. sonja Says:

    Lieber Konrad,

    da Arne eine Katholikin geheiratet hat und er zustimmte, dass seine Kinder (auch) nach katholischen, religiösen Grundwerten erzogen werden, wird das auch so sein. Eine Erziehung nach demokratischen Grundwerten beginnt mit dem Respekt vor anderen Individuen, den Grundwerten, dem Respekt vor fremdem Eigentum, die Sorgen um die schächeren Mitglieder unserer Gesellschaft, das Lehren der Fähigkeit zu Konsens, Toleranz und Friedfertigkeit. Wenn wir - so Gott will - dieser Aufgabe einmal gerecht werden sollten, dann haben wir richtig gute Arbeit geleistet, denn bei vielen hapert es schon am Respekt vor fremdem Eigentum. Ich gebe zu, dass für mich neben demokratischen auch religiöse Aspekte innerhalb der Erziehung eine Rolle spielen, mir würde bei meinen Kindern der Respekt und die Toleranz allen (Nicht-)Gläubigen gegenüber aber reichen. Aufgabe der Eltern ist es doch, Wege und Lehren aufzuzeigen und die Fähigkeit zu schulen, Entscheidungen für sich zu fällen. Damit sollte unter anderem blindem Götzentum vorgebeugt sein. Lieber Konrad, ich war der Meinung, dass das bloße Wort “Demokratie” für die meisten unter uns ein erfüllter Begriff ist, anscheinend habe ich mich da geirrt. Wolffsohns Kassandraaufruf, wie Du es nennst, trägt nichts bei zu einer konstruktiven Auseinandersetzung mit den Problemen, die die Globalisierung mit sich bringt. Mit Prophezeihung hat das ganze auch nichts zu tun. Mitbürger von der Intelligenz Wolffsohns sollten sich sensibler in derart sensible Themen einzubringen versuchen.

  3. konrad Says:

    Prezada Sonja,
    ich bin mir ziemlich sicher, dass wir dasselbe Ziel verfolgen.
    Eben deshalb gefallen mir nicht “demokratische Grundwerte” weil ich nie so recht weiss, woran mein Gegenueber dabei gerade denkt.
    Es mag ja sein, dass wer sich Demokrat nennt clamheimlich hofft, dass bald alle Schleusen offenstehn, ein Chaos herrschen und er zum Alleinherrscher berufen wird… als Retter sozusagen und alles ganz demokratisch legitimiert.
    Wenn man Sokrates glaubt, dann ist Demokratie nichts anderes als der erste Schritt in die Tyrannis:
    http://www.fotoknoten.de/philosophie/p/platon/staat/staat08_02.html

    Auch bei den “katholischen Grundwerten” will ich vorsichtig sein. Ein “credo, quia absurdum” oder “ut intelligam” will ich meinen Kindern nicht eintrichtern ! Im Gegenteil !
    Sonst passiert es, dass sie jedem Rattenfaenger hinterlaufen, nur weil der schoene Lieder pfeift.

    Toleranz, z.B. heisst Ertragen, Erleiden,Erdulden. Es kann kein Dauerzustand sein und ist als “Grundwert” ungeeignet. Preisgabe von ideellen und materiellen Rechtsanspruechen sollen unsere Kinder nicht hinnehmen muessen, keine Verschuldung, keine Eroberungskriege, keine 25 % Mehrwertsteuer, Deflation, 70% Einkommenssteuer und andere Segnungen moderner “Demokratien”, die ich lieber Demokraturen nennen, wo die Regierung sagt: “Die Demokratie bin ich”.
    Da scheinen mir manche “Diktaturen” oder “Monarchien” viel mehr an “demokratischen Grundwerten” besessen zu haben.

    Stell Dir vor, Sonja, Deine Kinder lernen in der Schule: Zwei-plus-Zwei macht Fuenf
    Gibts nicht ?
    In einer Demokratie ist alles moeglich, vorallem wenns um das Flicken einer defizitaeren Politik und Haushaltsfuehrung geht, dann werden wie soeben sogar Schildbuergerideen ernsthaft diskutiert. Was sind Steuererhoehungen denn anderes??

    Hier lesen, koestlich !
    http://www.welt.de/data/2005/05/25/722735.html?search=miersch&searchHILI=1

    Schoenes Wochende
    Gruesse aus Portugal bei Sonne aber kaltem Wind
    Konrad