Hermann Hesse / Damian

Am Wochenende hatte ich das – geteilte! – Vergnügen, mein erstes Werk von Hermann Hesse lesen zu dürfen: Damian. Erstmals erschienen 1919 soll es laut dem Covertext seinerzeit eine fast Werthersche Hysterie unter den Lesern ausgelöst haben, praktisch der Roman der ganzen Generation nach dem Ersten Weltkrieg gewesen sein. Das allerdings glaube ich gern, die Zeiten waren nicht gut.

Vordergründig scheint es um die Jugend des Protagonisten Sinclair und dessen Freundschaft zu Damian, einen etwas älteren Jungen zu gehen. Sinclair durchgeht neben einer offenbar klassisch-humanistischen Bildung, die in Philosophiestudium und Kriegsdienst endet, einen Prozess der Selbstfindung, der versetzt ist mit jeder Menge klebrig-überhöhtem Mystizismus. Dabei stellt sich aber heraus – und das ist die eigentlichen Geschichte –, dass der Protagonist offenbar insofern einer Form von milder Schizophrenie unterliegt, als viele der weiteren im Buch vorkommenden Figuren Teil seiner eigenen Persönlichkeit werden oder schon immer waren (und dann auf ihre Entdeckung hofften). Jedenfalls ist Demian, die Titelfigur, ein perfektes Wesen mit umfassendem Wissen und Wollen, ein „Führer“, dessen Welt Sinclair nach und nach entdeckt und dem er immer ähnlicher wird, bis er ihn komplett in sich aufnimmt, internalisiert.

Anders gesagt: Sinclair entdeckt sich selbst, entdeckt auch die Facetten seiner Persönlichkeit, die im Sinne der vorgegebenen Morallehren, gesellschaftlichen Strukturen nicht „erwünscht“ sind, wird wahrhaft frei von Konventionen, Überlieferungen, Zwängen und Ideologien.

Auf der psychologischen Ebene funktioniert das alles sehr gut und zweifellos ist es ein Teil der „Menschwerdung“ im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung. Gefährlich ist das, was der Protagonist da in sich entdeckt und wie Hesse ihn diese Entdeckungen wahrnehmen lässt. Nämlich als Erwachen des wahren, des freien Geistes, der sich zu lösen vermag von den anderen Menschen (die im Sinne des Werkes keine „Menschen“ weil nicht frei sind, sondern nur auf der Stufe von Tieren stehen) und von den Institutionen und Glaubenssystemen der Welt. Der das Dasein als Sklave ablegt.

Wen das an Nietzsche und seinen Übermenschen erinnert, der hat natürlich Recht, und so werden an Sekundärliteratur in „Damian“ auch nur die Bibel und Nietzsches Bücher erwähnt. Die Bibel dabei – jedenfalls im Sinne der klassischen Interpretation – kritisch, anders als Nietzsche.

Zum Werk passt ein in den letzten Wochen in Mode gekommener Begriff sehr gut: Relativismus. Besser vielleicht noch – wenn auch weniger in Mode und weniger klar – Gnostizismus. Die Botschaft ist letztlich, dass jeder sein eigener Gott ist. Dass jeder das (im herkömmlichen Sinn verstanden) „Gute“ und „Böse“ in sich vereinigt, und dass genau dies wünschenswert und richtig ist: Man darf (wieder im herkömmlichen Sinn verstanden) Gutes und Böses tun, solange man es auch sich selbst heraus tut und sich selbst treu ist. Und wer das verstanden hat, der ist „über“ der Masse aus Menschen, die menschliche Dinge tun, der ist „stark“, trägt im Hess’schen Sinn das Kainsmal. Und wer sich selbst in dieser Weise gefunden hat, wer damit zum „Führer“ taugt, der darf diese gnostische Weltsicht auch weitergeben, darf auch die anderen „befreien“, so wie Demian Sinclair „befreite“. Gut und Böse existieren dann nicht mehr, nur noch der Wille des Starken und Freien.

Leider ist das Werk sehr gut geschrieben, und so geht von ihm jene Faszination aus, die Büchern, die man bis zum Ende lesen muss nun einmal zu Eigen ist. Das ist durchaus zu bedauern, denn wenn über Hesse hier und da gesagt wurde, dass er ein geistiger Wegbereiter des Faschismus oder jedenfalls Totalitarismus war (und das wiewohl er sich vom Nationalsozialismus distanzierte und im Nazi-Deutschland seine Bücher nicht erhältlich waren), dann deshalb, weil das jedenfalls für „Demian“ die Wahrheit ist.

3 Responses to “Hermann Hesse / Damian”

  1. Wolfgang Says:

    Ich kenne das Buch nicht, werde es nach deinem Bericht aber vielleicht lesen. Deine Kritik finde ich aber stellenweise nicht nachvollziehbar.

    Erstens empfinde ich es noch nicht als per se schlecht, wenn ein Buch mit Gedanken Nietzsches verwandt ist (den ich persönlich für in der öffentlichen Meinung völlig missverstanden halte - aber vielleicht ist das auch nur meine subjektive Interpretation). Das allein kann das Buch noch nicht abqualifizieren, geschweige denn “gefährlich sein”, wie du schreibst.

    Zweitens ist für mich gerade diese Sichtweise, dass Bücher, in denen der Held bestimmte Ansichten vertritt, und die auch noch “leider” gut geschrieben seien, “gefährlich seien”, befremdlich. Kann man einem Autor nicht das Recht zugestehen, auch einmal mit “bösen” Ideen zu kokettieren? Sind dann alle Bücher, die Verbrechen aus der Sicht des Täters schildern, verwerflich, und nur Polizeiromane gute Bücher? Mir war zB das moralische Entsetzen um Houlebeques’ “Elementarteilchen” (das ich persönlich eher langweilig und schlecht geklaut fand - Stichwort Schöne neue Welt ) unbegreiflich. Die Distanz zur “bösen” Hauptfigur ist in diesem Buch ohnehin äußerst greifbar - aber selbst wenn nicht?

    Gerade am Hineinversetzen in fremdartige Gedankenwelten lässt sich meiner Meinung nach das eigene Weltbild testen, hinterfragen und ausbauen.

  2. Arne Trautmann Says:

    Danke für den Kommentar! Natürlich hast Du Recht damit, dass Nietzsche nicht per se mit “böse” gleichzusetzen ist. So war das auch nicht gemeint, und wenn es doch so klingt, dann entschuldige ich mich bei den Nietzschianern.

    Aber Hesse - und das ist keine Vermutung, sondern ergibt sich ohne Zweifel aus der Lektüre - nimmt Nietzsches Gedanken des Übermenschen und macht etwas m.E. klar abzulehnendes darauf: Er folgert, dass all jene, die nicht diesen Übermenschen-Status erreicht haben KEINE Menschen sind. Er vergleicht sie mit Fischen und anderem Getier (wörtlich!). Und - auch das ergibt ohne Zweifel der Kontext: das ist nicht eine zweifelhafte Äußerung einer Figur des Werks, sondern die richtige Ansicht der Identifikationsfiguren des Buches. Da spricht Hesse selbst. Und DAS finde ich erschreckend, ganz abgesehen von dem ziemlich abgefahrenen Mystizismus, der das ganze Buch wie klebrige Soße durchdringt.

    Anders und auf Deine Kritik bezogen: Hesse kokettiert nicht mit m.E. abzulehnenden Ansichten, er vertritt sie. Und deshalb ist das Buch “leider” gut geschrieben: weil man es ob man will oder nicht zu ende lesen muss und dann mit Bedauern feststellt, WAS man da gerade gelesen hat…

  3. nelly_pappkarton Says:

    oh gott, das mußten wir in der Schule lesen!