Ratzinger wird Benedikt

Kardinal Ratzinger hat also das Rennen gemacht. Mich – als Außenstehenden – hat das zwar ein wenig überrascht, aber spontan eigentlich auch gefreut. Immerhin: ein Landsmann, wenn auch ein internationalisierter. Sicher aus Atheistensicht kein Tag, um ihn im Kalender anzumerken, aber immerhin, ein kleines Highlight. Da hat der heilige Geist wohl eine Weißwurst mit Brezn gegessen, als er den ausspähte.

Interessant sind die Reaktionen im Restland. Statt sich ein klein wenig (mit) zu freuen wird die Papstwahl (natürlich, ich hätte es wissen müssen!) als Grund zur Klage umgedeutet. Dabei meine ich gar nicht die üblichen Verdächtigen und Renegaten, die teilweise tatsächlich das eine oder andere Tiefkühlhähnchen mit Rom zu rupfen haben, Hans Küng, „Wir sind Kirche“ und so weiter.

Mir geht es vielmehr um die Reaktion der ganz normalen Leute auf der Straße. Heute im Morgenmagazin (super beim Zähneputzen) hat sich praktisch jeder von der ARD interviewte Passant beschwert. Wie konservativ der Ratzinger sei, dass man einen Reformer hätte wählen müssen, einen, der etwas an Zölibat / Schwangerenkonfliktberatung / Frauenstellungen (in der Kirche ;-) ändern würde. Das ging so weit, dass den Kardinälen (über hundert, kennen die Kirche wohl ganz gut) Unfähigkeit unterstellt wurde.

Ein wenig anders ist das vielleicht hier in Bayern, wo der „Ratzi“ vor allem ein im kollektiven Bewusstsein verankerter „guter Onkel“ ist („ich habe mit dem Papst schon Stachelbeerkuchen gegessen!“)

Letztlich wird man sehen müssen, was Ex-Kardinal Ratzinger als Benedikt XVI so alles anstellen wird. Ich glaube ohnehin an den Roman-Herzog-Effekt, dass er also in der Lage sein wird, einen – in seiner bisherigen Funktion ja auch notwendigen! – Konservativismus in seinem neuen Amt in ein umfassenderes und integratives Verständnis auch für andere Positionen und Sichtweisen zu wandeln.

PS: Ein sehr schöner Artikel als Fortsetzung des Themas ist zwar beim SPON erschienen, wird aber dennoch in der Flut der Neuigkeiten untergehen. Da macht sich jemand Gedanken darüber, warum einer wie Ratzinger zu seinen Werten steht und warum so jemand im Zeitalter der Beliebigkeit als Fundamentalist wahrgenommen werden muss:


Sie wollen sie (Kirche und Glauben, d.A.) so trivial wie den Supermarkt an der Ecke, in den jeder latschen kann. So trivial wie sie selber sind. Deshalb reden sie, wenn sie vom Glauben reden, am liebsten von Priesterinnen, Kondomen, Kommunion für alle. Sie möchten nicht über die zehn Gebote reden, den sonntäglichen Kirchgang, die Sünde und die Beichte, den Rosenkranz, und wenn, dann nur mit anzüglichem Spott. Sie möchten das Angebot, das sie ausschlagen, gerne ohne jeden Wert. In seiner Predigt zu Beginn des Konklaves hat Joseph Ratzinger gegen den Relativismus der Moderne Stellung genommen. Es war so etwas wie seine Regierungserklärung.

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