Karol Wojtyla Superstar

Das öffentliche Sterben

Sonja:

Das öffentliche Sterben des Papstes ist die Konsequenz seines Handelns und Wirkens. Ein Papst, der den Menschen so nahe war, kann, sollte und wird es auch bis zu seinem Tode sein. Wichtig ist, dass er mit Würde sterben konnte, die Gläubigen aller Welt dies auch zugelassen haben. Danke an die Medien, die sich in diesen Tagen zurückgehalten haben.

Arne:

Dieser Papst musste öffentlich sterben. Alles andere wäre eher seltsam gewesen. Denn Johannes Paul II ging das Leben über alles; so weit, dass selbst in Fällen etwa von Vergewaltigungen keine Abtreibungen zugelassen werden konnten. Leben also als absoluter Wert und vor allem als Wert unabhängig davon, wie kraftvoll oder (Vorsicht, ethische Falle) „wertvoll“ dieses Leben ist. Das heißt für Karol Wojtyla als Papst aber, dass auch er sein Leben bis zum Ende auskosten muss, dass er kein Recht – und auch gar keinen Anlass! – hat, auch nur ein Jota zu ändern. Wenn er vor die Menschen tritt und seine Botschaft verkündet, dann tut er das eben in gesunden wie in kranken Tagen.

Persönliche Empfindungen

Sonja:

Der einzige Papst, den ich in meinem Leben bewusst wahrgenommen habe, war Papst Johannes Paul II. Ich kann mich noch lebhaft an die Diskussionen in der Schule erinnern nach den wichtigen Enzykliken aus dem Vatikan. Die unbeirrbare Meinung des Papstes zu Fragen der Abtreibung, Priesteramt für Frauen, Homosexualität, waren Streit- und Diskussionsstoff und werden es auch wieder sein. Je nach Einstellung des neuen Papstes. Das Papsttum gehört für einen Gläubigen Katholiken, wie ich es bin, zum täglichen Leben wie das Zähneputzen. Sein Tod wurde empfunden wie der eines guten Bekannten. Ein von mir sehr geschätzter Mensch hat einmal gesagt, dass das irdische Leben die Hölle sei, das wahre Leben käme erst. In diesem Sinne kann man Johannes Paul II nur beglückwünschen, denn sein Leben begann am Samstagabend, 21.37 Uhr.

Arne:

Vor ein paar Jahren habe ich im Einband eines Buches von Douglas Hofstadter gelesen, dass seine Frau gestorben sei. Nun kenne ich Herrn Hofstadter nicht persönlich, seine Frau noch viel weniger. Aber dennoch hat es mich berührt. Warum? Nun, er ist eine von den Personen, mit deren Gedankenwelt ich mich intensiv auseinandergesetzt habe, mit der ich praktisch „Zwiegespräche“ führte. Und ob man will oder nicht, das bringt einem diese Person näher, auch wenn der oder die Betroffene von dieser Ehre nichts weiß. So ähnlich geht es mir auch mit Karol Wojtyla. Er war ein Mensch, mit dessen Ansichten ich mich – ob in Übereinstimmung oder Ablehnung – auseinandersetzte. In diesem Sinne, wenn auch nicht als geistiger oder spiritueller Führer (ich bin ja Heide), so doch als imaginärer Partner für Selbstgespräche, wird er mir fehlen.

Priesterehe, Frauen, Abtreibung

Arne:

In diesen Tagen, in denen über das Wirken des Johannes Paul II reflektiert wird, äußern Viele, er sei ein autoritärer Papst mit reaktionären Ansichten gewesen. Und natürlich kann man das so sehen. Es trifft aber den Punkt nicht. Ein Papst hat in solchen Punkten kaum eine Wahl. In der einen oder anderen Form muss er wohl autoritär sein. Jedenfalls wäre mir persönlich eine Religion, in der über die grundlegenden Fragen des Glaubens demokratisch abgestimmt wird, ziemlich suspekt. Ähnliches gilt für die „reaktionären Ansichten“. Die Kirche ist keine Einrichtung, die ihre Überzeugungen und Einstellungen nach tagespolitischen Gegebenheiten ausrichtet. Sie beruht auf grundlegenden, von Gott (ihrem Gott wohlgemerkt) inspirierten Wahrheiten. Ihr das vorzuwerfen ist etwa so, als wolle man einem Fluss vorwerfen, dass er ins Meer fließe. Wenn der Johannes Paul II Abtreibung und Verhütung ablehnt, weil für seinen Gott das Leben ein absoluter, unantastbarer Wert ist, dann sollten wir eher froh sein, eine solche klare Stimme in der Diskussion zu vernehmen, als ihm seine Meinung vorwerfen. Diese ist nämlich durchaus respektabel, auch wenn man sie – wie auch ich – nicht teilt.

Sein Vermächtnis

Sonja:

Ich weiß nicht, ob man so wirklich von einem Vermächtnis sprechen kann. Er hat einen wichtigen Weg beschritten, die Versöhnung und die Einigung aller Konfessionen. Im Gegensatz zu Paps Pius XII war Johannes Paul II ein Papst „zum Anfassen“, ein Papst der Massen. Dadurch wurden der christliche Glaube und die Botschaft Gottes transparenter, anschaulicher und nachvollziehbar. Man kann über das Amt des Papstes streiten, ist man Befürworter des Kirchenaufbaus, so war Wojtyla ein ehrlicher Nachfolger Petri im Sinne der Botschaft Christi. Er stand dort und konnte nicht anders, auch wenn sich das viele Kritiker gewünscht hätten.

Arne:

Es ist sicher schwer von einem Vermächtnis zu schreiben; vielleicht hat Johannes Paul II Prozesse angestoßen, die erst in hunderten von Jahren Früchte tragen; die Kirche betrachtet Zeit ja ein wenig gelassener. Sicher aber kann ich zwei Dinge im Wirken des Papstes finden, die ich für ungemein wichtig halte. Zum einen: Die richtigen Dinge anzupacken, auch wenn sie ausweglos erscheinen. Ob das nun die Einheit der Kirche betrifft oder den Sturz des Kommunismus (den der Papst allerdings, auch wenn das in der retrospektiven Berichterstattung nun so scheint, keineswegs allein hinweggefegt hat); beides sind oder waren Vorhaben, denen wohl kaum jemand 1979 Aussicht auf Erfolg gegeben hätte. Und doch ist eines der Projekte erfolgreich gewesen, das andere, nun ja, ist auf einem langen Weg; immerhin. Zum anderen: Zu seinen Überzeugungen stehen. Viele der Positionen des Papstes zu Sachfragen sind ja höchst umstritten. Aber es geht nun mal in Fragen des Glaubens nicht um Popularität, Zeitgeist oder Mode, sondern um Grundsätzliches.

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