Die Welle, der Tod und das Wold Trade Center
In der Blogosphäre tauchen – hier beim hochgeschätzten Herrn K. – die ersten Vergleiche auf, dass angesichts der Opferzahl die Flutkatastrophe in Asien doch wohl 15mal (oder von mir aus auch 30mal) schlimmer sei als der Anschlag auf das WTC.
Das ist natürlich Unsinn (edit: in diesem speziellen Fall wohl nach Rücksprache ein Mißverständnis). Und zwar Großer. Dafür gibt es zwei Gründe: einen guten und einen sehr guten.
1. (der gute)
Leben gegen Leben kann man nicht abwägen, Leid gegen Leid auch nicht. Fünf zerstörte Leben sind nicht fünfmal schlimmer als eins. Es gibt dieses Beispiel mit dem Zug, der auf einen auf den Schienen liegen gebliebenen Bus zurast, in dem noch Leute sind. Der Zugführer hat die Wahl, den Zug entgleisen zu lassen (Tote im Zug, ca. 10) oder drauf zuzurasen (Tote im Bus, ca. 20). Wenn er den Zug entgleisen lässt, ist er NICHT des zehnfachen Totschlags schuldig.
2. (der sehr gute)
Der Tod von 50.000 oder 100.000 Menschen ist unfassbar und schrecklich. Es handel sich hier (hier gehört eigentlich ein „aber“ hin, wenngleich es mir fast den Atem verschlägt das zu schreiben: es hat rein grammatische Gründe, ich möchte damit nicht einmal in den Verdacht kommen, die Tragödie relativieren zu wollen) um Naturgewalten, um einen sinnlosen, grauenhaften Tod.
Bei dem Anschlag im WTC dagegen geht es um 2.000fachen Mord. Gezielte Tötung aus niederen Beweggründen. Geplant. Mit einer Botschaft: „Schaut her, Euer Leben ist uns scheißegal, weil unser Gott das so will. Und es werden noch mehr von Euch sterben. Wir werden nicht aufhören, bis zur völligen Vernichtung.“
Das IST ein Unterschied.
December 30th, 2004 at 10:34 am
Gibt es tatsächlich Zyniker und Ignoranten, die beide Ereignisse miteinander vergleichen möchten?
December 30th, 2004 at 12:53 pm
Du sagst beim WTC war es gezielte Tötung und gleich danach sagst du, das ihnen das Leben der Leute scheiss egal ist. Das heisst fuer mich das sie nicht gezielt toeten wollten, sondern das sie eben das WTC vernichten wollten. Denn es war ihnen egal wieviele Leute darin sind. Wenn es ihnen nicht egal gewesen waere haetten sie vielleicht Tage oder Stunden mit mehr Andrang im WTC gesucht. Und vielleicht vorher noch einige Tueren geschickt versperrt. Dementsprechend sage ich schon das ihnen das Leben der Leute im Haus scheiss egal war, aber nicht das sie gezielt 2000 Menschen toeten wollten. Sie wollten der Welt zeigen das sie da sind und dabei haben sie sich eben nicht die Muehe gemacht zu bedenken wie man moeglichst wenigen Leuten schadet.
December 30th, 2004 at 1:07 pm
Bitte? Natürlich wollten die Attentäter Menschen töten, wenigstens als Mittel zum Zweck: Aufmerksamkeit erzielen. Sonst könnte man auch behaupten, die Fundamentalisten, die Leuten den Kopf abschlagen, wollen diese ja nicht töten, denn es geht ihnen ja um die Durchsetzung irgendwelcher wirrer Ziele, nicht um das Töten an sich. Und natürlich wollte auch Hitler keine Russen töten, sondern “nur” das Land besetzen. Na großartig!
Das ist Quark, und zwar großer, Verzeihung. Die Tatsache, dass die Terroristen vielleicht zwei Stunden später noch mehr Leute hätten töten können als Beweis für ihre Anständigkeit zu nehmen, ist perfide.
December 30th, 2004 at 1:15 pm
Vorsatz als notwendige Tatbestandsvoraussetzung gibt es in der Juristerei in drei Formen: dolus directus 1. Grades (Absicht) und 2. Grades (direkter Vorsatz) sowie dolus eventualis (bedingter Vorsatz). Letzteres liegt vor, wenn ein Täter den Taterfolg zwar nicht willentlich herbeiführt - es kommt ihm nicht darauf an -, er diesen aber billigend in Kauf nimmt. Das Ergebnis ist in allen drei Fällen - bezogen auf den subjektiven Tatbestand - die Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung. Ob eine Täter daher gezielt töten wollte, oder ihm das Leben scheißegal war, ist daher kein Widerspruch, sondern Ergebnis lang diskutierter Straftheorien.